13KGHT73 Hinter den Kulissen des Recyclings – bambusliebe GmbH
Hinter den Kulissen des Recyclings

Hinter den Kulissen des Recyclings

 

Schrill, kultig und voller Modesünden, so sind uns die 90er Jahre in Erinnerung. Politisch gesehen war es ein Jahrzehnt der Umbrüche. Während man sich an die Schnullerkette oder das eine oder andere politische Ereignis noch gut erinnern kann, ist manches weniger präsent. Da gab es eine seinerzeit zukunftsweisende Verordnung, die am 12. Juni 1991 in Kraft trat – die "Verordnung über die Vermeidung und Verwertung von Verpackungsabfällen", eingeführt vom damaligen Umweltminister. Mit diesem Startschuss fürs Recycling befand Deutschland sich in Vorreiter-Position. 2019 trat dann das neue Verpackungsgesetz in Kraft und löste die Verpackungsverordnung mit dem Ziel ab, noch mehr der Rohstoffe aus den Verpackungen zurückzugewinnen und wiederzuverwerten. Seitdem gelten höhere Anforderungen in Sachen Recycling und es soll vor allem mehr Kunststoff recycled werden. Seit über 30 Jahren also scheint Deutschland das Recycling-Vorbild schlechthin zu sein. Zurecht?

 

Aus den Augen, aus dem Sinn

Berichten zufolge liegt die Recycling-Quote in Deutschland round about bei 70 Prozent. Tatsächlich aber werden gerade mal 27 Prozent des Plastikmülls recycelt, das Gros landet in Verbrennungsanlagen. Ein drastischer Unterschied, der nur deshalb entsteht, weil auch Recycling im Auge des Betrachters liegt. Denn die hohe Quote ergibt sich daraus, dass nicht der Müll in die Berechnung einfließt, der letzten Endes wirklich recycelt wird (Output), sondern einfach alles, was in den Sortieranlagen landet (Input). Erhoben wird das Kontingent direkt nach der Abfallsortierung, nicht etwa am Ende irgendwelcher Recyclingvorgänge und ist damit eigentlich nichts weiter als Schönfärberei.

Müll, der in den Export geht oder Verluste, die beim Recyclingprozess aufkommen, sind in der wohlklingenden Quote mit inbegriffen. Dass sich die recycelten Kunststoffe allerdings dann doch nur auf 17 Prozent beliefen, ergab eine Studie aus 2017, welche der Verband „Plastics Europe“ in Auftrag gab. Eine neuere Erhebung aus 2019 ermittelte einen Anstieg recycelter Kunststoffe um 10 Prozent. Dennoch kommt es viel zu wenig vor, dass aus einem alten Plastikbehältnis ein neues entsteht. Eine recht ernüchternde Bilanz.

In der Annahme, dass aus alt neu wird, haben VerbraucherInnen im Jahr 2017 5,2 Mio. Tonnen Plastikmüll brav vorsortiert. Davon wurden 710.000 Tonnen netto exportiert – und gelten damit als recycelt. Was mit dem Exportgut später anderswo passiert, weiß man hierzulande nicht immer so genau. Das wird auch nicht unbedingt weiterverfolgt.

 

Viele Wege führen zur Verbrennungsanlage

Laut NABU beläuft sich der deutsche Exportmüll jedes Jahr auf ungefähr eine Million Tonnen Plastikabfall im Wert von ca. 254 Mio. Euro. Lange Zeit gingen die Exporte größtenteils in die Volksrepublik China. Als das Land dann irgendwann seine Grenzen für ausländischen Müll schloss, nahmen andere Länder innerhalb und außerhalb der EU die Exporte auf. Durch NGO-Arbeit und Medienberichte konnte nachgewiesen werden, dass sich auf südostasiatischen Deponien haufenweise Plastikmüll aus Deutschland und anderen Industriestaaten ansammelt.

2020 wurden ca. 170.000 Tonnen des deutschen Mülls nach Malaysia verschifft. Ein bisschen was landet in Indonesien, Vietnam und Indien. Doch dort unterliegt die Mülleinfuhr Einschränkungen, weshalb die Exporte dorthin gesunken sind. Ein sehr wichtiges Zielland ist die Türkei geworden. Wurden 2017 noch 19.000 Tonnen Müll dorthin exportiert, waren es nur drei Jahre später schon 136.000 Tonnen. Nach bisherigem Kenntnisstand handelt es sich bei dem Müll, der nach Süd- oder Südostasien geht, überwiegend um Abfälle aus dem Gewerbe. Das, was im Gelben Sack oder in der Gelben Tonne landet, wird auch innerhalb der EU abgewickelt.

Aber egal, wohin die Reise geht, es bleibt undurchsichtig. Deutscher Exportmüll muss in anderen Ländern in zertifizierten Anlagen nachweislich recycelt werden, um in die Berechnungen der hiesigen Recycling-Quoten einbezogen werden zu können. Allerdings lassen die Kontroll- und Nachweissysteme einiges zu wünschen übrig, genauso wie die Recycling-Infrastrukturen mancher Zielländer. Auch dort wird nur ein Teil des Mülls recycelt und vieles deponiert oder verbrannt. Problematisch ist dabei, dass die Umweltstandards in solchen Ländern meist niedriger sind als hier in Deutschland. Das hat Folgen, sowohl in ökologischer Hinsicht, als auch für die Bevölkerung vor Ort, die unter der Umweltverschmutzung leidet.

 

Gut getrennt ist halb gewonnen

Auch das Umweltbundesamt hält 99 Prozent des Mülls für verwertet. Die Wahrheit aber sieht anders aus. Der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung zeigen im Plastikatlas 2019, dass 60 Prozent des Mülls aus Privathaushalten und Gewerbe wird „energetisch verwertet“ wird. Was gut klingt, heißt anders ausgedrückt nichts anderes, als dass der Müll verbrannt wird. Unter anderem dient er als Ersatzbrennstoff in der Zementproduktion, in den meisten Fällen jedoch produzieren Müllverbrennungsanlagen daraus neue Energie (die übrigens sogar subventioniert wird). Und obwohl der Anteil an recycelten Kunststoffen steigt, so steigt leider auch die Menge an Abfällen, die energetisch verwendet wird, wenn auch nur leicht. Das berichtet das Marktforschungsinstitut Conversio.

Die energetische Verwertung ist aber auch nicht das Gelbe vom Sack. Denn die durch Verbrennung entstandene Energie kann nur einmalig gewonnen werden. Zudem entsteht bei dem Prozess viel Kohlendioxid. Ebenso ist es unvermeidbar, dass sich beim Verbrennen von Plastik andere Giftstoffe bilden, die in einem aufwändigen Verfahren aus dem Qualm herausgefiltert werden müssen. Der verbliebene, hochgiftige Rest wird in Untertagedeponien eingelagert. Besser bekannt ist dieser Vorgang bei radioaktiven Abfällen, die in Endlagern verwahrt werden. Für chemisch-toxische Abfälle gilt die gleiche Handhabung, in ebensolchen Untertagedeponien. Ob das im Sinne des Recycling-Gedankens ist?

Der Grund dafür, dass Müll eher verbrannt als recycelt wird, ist folgender: Verbrennen ist günstiger als Sortieren. Darüber hinaus ist der Müll entweder zu sehr verschmutzt oder sowieso nicht recycelbar. Recycelt werden kann nämlich nur sortenreiner Kunststoff. Bei sogenannten Multilayer-Kunststoffen, also bei Verbundmaterial, das aus verschiedenen untrennbar miteinander verschmolzenen Schichten besteht, ist Recycling nicht möglich. Wer müßig ist, kann ja mal probieren, die sechs oder sieben Schichten einer Milchtüte auseinander zu pulen. Genauso wenig recycelbar wie Getränkekartons sind Verpackungen mit verschiedenen Bestandteilen, wie etwa Joghurtbecher mit Alu-Deckel, Verpackungen, an denen Papier heftet oder Schalen aus härterem Kunststoff, die einen weichen Deckel haben. All diese Müllsorten fallen aber überwiegend bei uns Zuhause an und so ist unser Verpackungsmüll in der Regel schwer recycelbar.

Am Ende bleibt ein minimaler Teil Müll, aus dem wirklich neues Plastik (sog. Rezyklat) entsteht und hier gibt es das nächste Problem: Gerade mal die Hälfte der recycelten Kunststoffe hat eine Qualität, die mit neuem Plastik vergleichbar ist. In den meisten Fällen geben Rezyklate ziemlich minderwertige Kunststoffe ab und sind deswegen in der Plastikindustrie recht unbeliebt. Sie werden allenfalls dafür benutzt, um Füße für Straßenschilder herzustellen, was eher Nischenprodukt ist. Aufgrund der Ungewissheit, ob Rezyklate Giftstoffe enthalten, dürfen Lebensmittel zurzeit nicht darin verpackt werden.

Der Umgang mit dem Müll ist also nicht sonderlich zufriedenstellend. Da mag die Frage auftauchen, ob Trennen überhaupt noch sinnvoll ist. Auf jeden Fall! Selbst wenn Recycling (viel) zu wenig vorkommt, ist es besser, als Plastik überhaupt nicht wiederzuverwerten. Aber es muss unbedingt mehr betrieben werden und das erfordert Maßnahmen von Politik, Forschung und Herstellern. Einen wichtigen Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft hat das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung gemacht und den lösemittelbasierten Recyclingprozess CreaSolv® entwickelt, der Mischabfälle und Verbundmaterialien recyceln kann sowie Rezyklate in Neuware-Qualität ermöglicht. Bis sich das Kreislaufdenken in der Wirtschaft durchgesetzt hat, können wir zwei Dinge tun: Auf Plastik verzichten, soweit es geht, und da wo es nicht geht, richtig trennen. Eine tolle Hilfe dafür bietet das Team von entsorgungshinweise.de. Mit deren Vier-Punkte-Programm soll Recycling effektiver werden.

 

Der Coup mit dem Ocean Plastic

Manche Hersteller verkünden auf ihren Produkten, dass deren Verpackungen aus Plastik bestehen, das aus dem Meer gefischt wurde. Somit muss es sich dabei doch um recyceltes Plastik handeln, oder? Was „Ocean Plastic“ genau ist, ist gesetzlich nicht bindend definiert. Viele Rohstoffe können als „Ocean Plastic“ deklariert werden. Davon machen die meisten dieser Hersteller nur allzu gern Gebrauch und vermitteln geschickt, dass der Kauf ihres Produkts die Welt ein Stückchen sauberer macht. Dabei stammt der Plastikmüll aber nicht aus den Weltmeeren. Verwendet wird überwiegend „Social Plastic“ (in Küstenregionen aufgesammeltes Plastik, das nicht mal zwingend vom Strand kommt). Findige Hersteller spielen dabei mit Formulierungen; so gibt ein Hersteller auf seinem Produkt an, dass Ocean Plastik bekämpft werde, was ja nicht bedeutet, dass es daraus bestehen muss.

Die Forscherin Gilian Gerke von der Hochschule Magdeburg-Stendal erklärt, warum kein richtiges Ozeanplastik in diesen Verpackungen steckt: Plastik aus dem Meer aufzubereiten wäre schlicht zu teuer. Bis der Müll gereinigt, gefärbt und wieder zu einem geeigneten Rohstoff umgewandelt wurde, braucht es außerdem viele Ressourcen. Gemeinsam mit ihren StudentInnen hat Gerke das einmal ausprobiert. Sie angelten Müll, sortierten und reinigten ihn, bereiteten ihn auf und stellten daraus schließlich neue Plastikgegenstände her. All das war ein Riesenaufwand, erzählt die Forscherin. Sie hat aus ihrem Ozeanplastik einen simplen Brieföffner hergestellt, die Produktionskosten dafür vermutet sie bei ungefähr 200 Euro. Abschließend sagt sie über Ocean Plastik-Produkte: „Aus meiner Sicht bekommt der Verbraucher nicht das Produkt, mit der Geschichte, für das er bezahlt hat.“

Ist Ocean Plastic also nichts weiter als Greenwashing? Das kann es sein, muss es aber nicht. Schade ist dabei nur, dass durch solche Findigkeiten auch jene in Verruf geraten, die richtiges Ozeanplastik verwenden. Es kann also durchaus nachhaltiger sein, Produkte aus Ocean oder Social Plastic zu kaufen. Schließlich musste kein neues Plastik dafür hergestellt und auf Erdölressourcen zurückgegriffen werden. Darüber hinaus reduziert es ein wenig die Müllberge. Noch besser als Produkte aus Ozeanplastik sind aber jene, die gar nicht erst hergestellt werden.

In den 90er Jahren hat sich in Sachen Recycling zwar einiges getan, doch seitdem sind die Müllmengen drastisch gestiegen und steigen weiter. Also muss jetzt mehr getan werden, als sich auf der einstigen Vorbildfunktion auszuruhen. Der Grüne Punkt braucht bei Update. Da hilft es nicht, ihn mit Quoten schönzureden und Müllverbrennung zu subventionieren. Wäre es nicht wirkungsvoller in hochmoderne Müllsortieranlagen zu investieren und Unternehmen mehr in die Pflicht zu nehmen? Dass das geht, zeigt uns San Francisco. Dort werden 90 Prozent des Mülls recycelt, auf Müllverbrennung wird bewusst verzichtet und für das Benutzen der Grünen und Blauen Tonne gibt es Rabatte. Ziemlich vorbildlich, nicht wahr? Solche Fortschritte brauchen wir hier auch. Denn ohne funktionierendes Recycling gibt es auch keine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

 

Quellen:

conversio-gmbh.com/res/News_Media/2020/Kurzfassung_Stoffstrombild_2019.pdf

nabu.de/umwelt-und-ressourcen/abfall-und-recycling/26205.html

tagesschau.de/faktenfinder/kurzerklaert/kurzerklaert-recycling-101.html

mdr.de/nachrichten/deutschland/weltrecyclingtag-plastik-abfall-muell-exporte-100.html

gruene-bundestag.de/themen/umwelt/deutschland-ist-nicht-recyclingweltmeister

geo.de/natur/nachhaltigkeit/21770-rtkl-recycling-stammt-ocean-plastic-wirklich-aus-dem-ozean

 

Schrill, kultig und voller Modesünden, so sind uns die 90er Jahre in Erinnerung. Politisch gesehen war es ein Jahrzehnt der Umbrüche. Während man sich an die Schnullerkette oder das eine oder andere politische Ereignis noch gut erinnern kann, ist manches weniger präsent. Da gab es eine seinerzeit zukunftsweisende Verordnung, die am 12. Juni 1991 in Kraft trat – die "Verordnung über die Vermeidung und Verwertung von Verpackungsabfällen", eingeführt vom damaligen Umweltminister. Mit diesem Startschuss fürs Recycling befand Deutschland sich in Vorreiter-Position. 2019 trat dann das neue Verpackungsgesetz in Kraft und löste die Verpackungsverordnung mit dem Ziel ab, noch mehr der Rohstoffe aus den Verpackungen zurückzugewinnen und wiederzuverwerten. Seitdem gelten höhere Anforderungen in Sachen Recycling und es soll vor allem mehr Kunststoff recycled werden. Seit über 30 Jahren also scheint Deutschland das Recycling-Vorbild schlechthin zu sein. Zurecht?

 

Aus den Augen, aus dem Sinn

Berichten zufolge liegt die Recycling-Quote in Deutschland round about bei 70 Prozent. Tatsächlich aber werden gerade mal 27 Prozent des Plastikmülls recycelt, das Gros landet in Verbrennungsanlagen. Ein drastischer Unterschied, der nur deshalb entsteht, weil auch Recycling im Auge des Betrachters liegt. Denn die hohe Quote ergibt sich daraus, dass nicht der Müll in die Berechnung einfließt, der letzten Endes wirklich recycelt wird (Output), sondern einfach alles, was in den Sortieranlagen landet (Input). Erhoben wird das Kontingent direkt nach der Abfallsortierung, nicht etwa am Ende irgendwelcher Recyclingvorgänge und ist damit eigentlich nichts weiter als Schönfärberei.

Müll, der in den Export geht oder Verluste, die beim Recyclingprozess aufkommen, sind in der wohlklingenden Quote mit inbegriffen. Dass sich die recycelten Kunststoffe allerdings dann doch nur auf 17 Prozent beliefen, ergab eine Studie aus 2017, welche der Verband „Plastics Europe“ in Auftrag gab. Eine neuere Erhebung aus 2019 ermittelte einen Anstieg recycelter Kunststoffe um 10 Prozent. Dennoch kommt es viel zu wenig vor, dass aus einem alten Plastikbehältnis ein neues entsteht. Eine recht ernüchternde Bilanz.

In der Annahme, dass aus alt neu wird, haben VerbraucherInnen im Jahr 2017 5,2 Mio. Tonnen Plastikmüll brav vorsortiert. Davon wurden 710.000 Tonnen netto exportiert – und gelten damit als recycelt. Was mit dem Exportgut später anderswo passiert, weiß man hierzulande nicht immer so genau. Das wird auch nicht unbedingt weiterverfolgt.

 

Viele Wege führen zur Verbrennungsanlage

Laut NABU beläuft sich der deutsche Exportmüll jedes Jahr auf ungefähr eine Million Tonnen Plastikabfall im Wert von ca. 254 Mio. Euro. Lange Zeit gingen die Exporte größtenteils in die Volksrepublik China. Als das Land dann irgendwann seine Grenzen für ausländischen Müll schloss, nahmen andere Länder innerhalb und außerhalb der EU die Exporte auf. Durch NGO-Arbeit und Medienberichte konnte nachgewiesen werden, dass sich auf südostasiatischen Deponien haufenweise Plastikmüll aus Deutschland und anderen Industriestaaten ansammelt.

2020 wurden ca. 170.000 Tonnen des deutschen Mülls nach Malaysia verschifft. Ein bisschen was landet in Indonesien, Vietnam und Indien. Doch dort unterliegt die Mülleinfuhr Einschränkungen, weshalb die Exporte dorthin gesunken sind. Ein sehr wichtiges Zielland ist die Türkei geworden. Wurden 2017 noch 19.000 Tonnen Müll dorthin exportiert, waren es nur drei Jahre später schon 136.000 Tonnen. Nach bisherigem Kenntnisstand handelt es sich bei dem Müll, der nach Süd- oder Südostasien geht, überwiegend um Abfälle aus dem Gewerbe. Das, was im Gelben Sack oder in der Gelben Tonne landet, wird auch innerhalb der EU abgewickelt.

Aber egal, wohin die Reise geht, es bleibt undurchsichtig. Deutscher Exportmüll muss in anderen Ländern in zertifizierten Anlagen nachweislich recycelt werden, um in die Berechnungen der hiesigen Recycling-Quoten einbezogen werden zu können. Allerdings lassen die Kontroll- und Nachweissysteme einiges zu wünschen übrig, genauso wie die Recycling-Infrastrukturen mancher Zielländer. Auch dort wird nur ein Teil des Mülls recycelt und vieles deponiert oder verbrannt. Problematisch ist dabei, dass die Umweltstandards in solchen Ländern meist niedriger sind als hier in Deutschland. Das hat Folgen, sowohl in ökologischer Hinsicht, als auch für die Bevölkerung vor Ort, die unter der Umweltverschmutzung leidet.

 

Gut getrennt ist halb gewonnen

Auch das Umweltbundesamt hält 99 Prozent des Mülls für verwertet. Die Wahrheit aber sieht anders aus. Der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung zeigen im Plastikatlas 2019, dass 60 Prozent des Mülls aus Privathaushalten und Gewerbe wird „energetisch verwertet“ wird. Was gut klingt, heißt anders ausgedrückt nichts anderes, als dass der Müll verbrannt wird. Unter anderem dient er als Ersatzbrennstoff in der Zementproduktion, in den meisten Fällen jedoch produzieren Müllverbrennungsanlagen daraus neue Energie (die übrigens sogar subventioniert wird). Und obwohl der Anteil an recycelten Kunststoffen steigt, so steigt leider auch die Menge an Abfällen, die energetisch verwendet wird, wenn auch nur leicht. Das berichtet das Marktforschungsinstitut Conversio.

Die energetische Verwertung ist aber auch nicht das Gelbe vom Sack. Denn die durch Verbrennung entstandene Energie kann nur einmalig gewonnen werden. Zudem entsteht bei dem Prozess viel Kohlendioxid. Ebenso ist es unvermeidbar, dass sich beim Verbrennen von Plastik andere Giftstoffe bilden, die in einem aufwändigen Verfahren aus dem Qualm herausgefiltert werden müssen. Der verbliebene, hochgiftige Rest wird in Untertagedeponien eingelagert. Besser bekannt ist dieser Vorgang bei radioaktiven Abfällen, die in Endlagern verwahrt werden. Für chemisch-toxische Abfälle gilt die gleiche Handhabung, in ebensolchen Untertagedeponien. Ob das im Sinne des Recycling-Gedankens ist?

Der Grund dafür, dass Müll eher verbrannt als recycelt wird, ist folgender: Verbrennen ist günstiger als Sortieren. Darüber hinaus ist der Müll entweder zu sehr verschmutzt oder sowieso nicht recycelbar. Recycelt werden kann nämlich nur sortenreiner Kunststoff. Bei sogenannten Multilayer-Kunststoffen, also bei Verbundmaterial, das aus verschiedenen untrennbar miteinander verschmolzenen Schichten besteht, ist Recycling nicht möglich. Wer müßig ist, kann ja mal probieren, die sechs oder sieben Schichten einer Milchtüte auseinander zu pulen. Genauso wenig recycelbar wie Getränkekartons sind Verpackungen mit verschiedenen Bestandteilen, wie etwa Joghurtbecher mit Alu-Deckel, Verpackungen, an denen Papier heftet oder Schalen aus härterem Kunststoff, die einen weichen Deckel haben. All diese Müllsorten fallen aber überwiegend bei uns Zuhause an und so ist unser Verpackungsmüll in der Regel schwer recycelbar.

Am Ende bleibt ein minimaler Teil Müll, aus dem wirklich neues Plastik (sog. Rezyklat) entsteht und hier gibt es das nächste Problem: Gerade mal die Hälfte der recycelten Kunststoffe hat eine Qualität, die mit neuem Plastik vergleichbar ist. In den meisten Fällen geben Rezyklate ziemlich minderwertige Kunststoffe ab und sind deswegen in der Plastikindustrie recht unbeliebt. Sie werden allenfalls dafür benutzt, um Füße für Straßenschilder herzustellen, was eher Nischenprodukt ist. Aufgrund der Ungewissheit, ob Rezyklate Giftstoffe enthalten, dürfen Lebensmittel zurzeit nicht darin verpackt werden.

Der Umgang mit dem Müll ist also nicht sonderlich zufriedenstellend. Da mag die Frage auftauchen, ob Trennen überhaupt noch sinnvoll ist. Auf jeden Fall! Selbst wenn Recycling (viel) zu wenig vorkommt, ist es besser, als Plastik überhaupt nicht wiederzuverwerten. Aber es muss unbedingt mehr betrieben werden und das erfordert Maßnahmen von Politik, Forschung und Herstellern. Einen wichtigen Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft hat das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung gemacht und den lösemittelbasierten Recyclingprozess CreaSolv® entwickelt, der Mischabfälle und Verbundmaterialien recyceln kann sowie Rezyklate in Neuware-Qualität ermöglicht. Bis sich das Kreislaufdenken in der Wirtschaft durchgesetzt hat, können wir zwei Dinge tun: Auf Plastik verzichten, soweit es geht, und da wo es nicht geht, richtig trennen. Eine tolle Hilfe dafür bietet das Team von entsorgungshinweise.de. Mit deren Vier-Punkte-Programm soll Recycling effektiver werden.

 

Der Coup mit dem Ocean Plastic

Manche Hersteller verkünden auf ihren Produkten, dass deren Verpackungen aus Plastik bestehen, das aus dem Meer gefischt wurde. Somit muss es sich dabei doch um recyceltes Plastik handeln, oder? Was „Ocean Plastic“ genau ist, ist gesetzlich nicht bindend definiert. Viele Rohstoffe können als „Ocean Plastic“ deklariert werden. Davon machen die meisten dieser Hersteller nur allzu gern Gebrauch und vermitteln geschickt, dass der Kauf ihres Produkts die Welt ein Stückchen sauberer macht. Dabei stammt der Plastikmüll aber nicht aus den Weltmeeren. Verwendet wird überwiegend „Social Plastic“ (in Küstenregionen aufgesammeltes Plastik, das nicht mal zwingend vom Strand kommt). Findige Hersteller spielen dabei mit Formulierungen; so gibt ein Hersteller auf seinem Produkt an, dass Ocean Plastik bekämpft werde, was ja nicht bedeutet, dass es daraus bestehen muss.

Die Forscherin Gilian Gerke von der Hochschule Magdeburg-Stendal erklärt, warum kein richtiges Ozeanplastik in diesen Verpackungen steckt: Plastik aus dem Meer aufzubereiten wäre schlicht zu teuer. Bis der Müll gereinigt, gefärbt und wieder zu einem geeigneten Rohstoff umgewandelt wurde, braucht es außerdem viele Ressourcen. Gemeinsam mit ihren StudentInnen hat Gerke das einmal ausprobiert. Sie angelten Müll, sortierten und reinigten ihn, bereiteten ihn auf und stellten daraus schließlich neue Plastikgegenstände her. All das war ein Riesenaufwand, erzählt die Forscherin. Sie hat aus ihrem Ozeanplastik einen simplen Brieföffner hergestellt, die Produktionskosten dafür vermutet sie bei ungefähr 200 Euro. Abschließend sagt sie über Ocean Plastik-Produkte: „Aus meiner Sicht bekommt der Verbraucher nicht das Produkt, mit der Geschichte, für das er bezahlt hat.“

Ist Ocean Plastic also nichts weiter als Greenwashing? Das kann es sein, muss es aber nicht. Schade ist dabei nur, dass durch solche Findigkeiten auch jene in Verruf geraten, die richtiges Ozeanplastik verwenden. Es kann also durchaus nachhaltiger sein, Produkte aus Ocean oder Social Plastic zu kaufen. Schließlich musste kein neues Plastik dafür hergestellt und auf Erdölressourcen zurückgegriffen werden. Darüber hinaus reduziert es ein wenig die Müllberge. Noch besser als Produkte aus Ozeanplastik sind aber jene, die gar nicht erst hergestellt werden.

In den 90er Jahren hat sich in Sachen Recycling zwar einiges getan, doch seitdem sind die Müllmengen drastisch gestiegen und steigen weiter. Also muss jetzt mehr getan werden, als sich auf der einstigen Vorbildfunktion auszuruhen. Der Grüne Punkt braucht bei Update. Da hilft es nicht, ihn mit Quoten schönzureden und Müllverbrennung zu subventionieren. Wäre es nicht wirkungsvoller in hochmoderne Müllsortieranlagen zu investieren und Unternehmen mehr in die Pflicht zu nehmen? Dass das geht, zeigt uns San Francisco. Dort werden 90 Prozent des Mülls recycelt, auf Müllverbrennung wird bewusst verzichtet und für das Benutzen der Grünen und Blauen Tonne gibt es Rabatte. Ziemlich vorbildlich, nicht wahr? Solche Fortschritte brauchen wir hier auch. Denn ohne funktionierendes Recycling gibt es auch keine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

 

Quellen:

conversio-gmbh.com/res/News_Media/2020/Kurzfassung_Stoffstrombild_2019.pdf

nabu.de/umwelt-und-ressourcen/abfall-und-recycling/26205.html

tagesschau.de/faktenfinder/kurzerklaert/kurzerklaert-recycling-101.html

mdr.de/nachrichten/deutschland/weltrecyclingtag-plastik-abfall-muell-exporte-100.html

gruene-bundestag.de/themen/umwelt/deutschland-ist-nicht-recyclingweltmeister

geo.de/natur/nachhaltigkeit/21770-rtkl-recycling-stammt-ocean-plastic-wirklich-aus-dem-ozean

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