Meer Zeit

Meer Zeit

Alles steht im Schatten der Corona-Krise. Sie verändert unseren Alltag, vielleicht unsere Beziehungen und verdrängt fast alle anderen wichtigen Themen.

Kaum jemand redet noch über Mikroplastik oder Klimawandel, man hört nichts mehr von Greta und die Freitage ohne Future sind auch nicht mehr das, was sie einst waren. Trotzdem sind aber all die Probleme, die einen dringenden Einsatz erfordern noch da. Auch oder gerade wenn erste Meldungen mitteilen, dass die Quarantäne des Menschen für die Umwelt äußerst erholsam ist.

Uns allen sollte bewusst bleiben, dass der Virus nur eins von vielen Problemen ist, die es zu lösen gilt. Die Umwelt braucht trotzdem unsere Hilfe; sie braucht unsere Aufmerksamkeit, auch in den eigenen vier Wänden, denn unser Planet versinkt noch immer im Müll. So berichtet der WWF von einer Schätzung, die davon ausgeht, dass 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen pro Jahr Plastikmüll in die Meere gelangen – also jede Minute eine Lastwagenladung. Dieser Müll sammelt sich in Müllstrudeln und Plastikinseln, die durchs Meer treiben.

Der größte und bekannteste Müllstrudel der Welt ist nicht einmal mit bloßen Augen zu sehen und liegt im Nordpazifik zwischen Hawaii und Kalifornien: Der „Great Pacific Garbage Patch“ hat eine Fläche von ca. 1,6 Millionen Quadratkilometern, das heißt er ist so groß, dass Deutschland viermal Platz darin hätte.

Da diese vermüllten Meeresströmungen immer in Bewegung sind, ist es nicht einfach konkrete Angaben zu ihnen zu machen. Die ungefähren Standorte sind der amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA zu verdanken sowie diversen Modellrechnungen. Fest steht, dass es außer diesem noch vier andere große Müllstrudel gibt: den indischen, den südpazifischen, den nordatlantischen und südatlantischen.

Allerdings sind diese Müllstrudel kein Problem, das fern von uns liegt. Auch das Mittelmeer zählt zu den am meisten mit Plastik verschmutzten Meeresgebieten und auf dem Grund der Nordsee finden sich auf einem Quadratmeter 11 kg Müll wieder (WWF, Stand 15.01.2020).

„Ich sehe was, was du auch siehst …“

Woher kommt der ganze Müll? Laut einer Greenpeace-Studie (Plastic Debris in the World’s Oceans) entstehen ungefähr 80 % des Mülls an Land und ist somit nicht nur eine Sache die man strandliebenden Touristen anhängen kann. Der Haushalt einer deutschen Großstadt im Landesinneren gibt jeden Tag Müll ans Meer ab, zum Beispiel durch das uns all umgebende Mikroplastik in Kosmetik, Kleidung und Putzmitteln. Durch Flüsse und Witterung gelangt Müll in die Meere. Deswegen finden sich in den Müllstrudeln Alltagsgegenstände wieder wie Plastiktüten und -flaschen, Becher von Jogurt und Getränken, Eimer und Kanister, Verpackungen, Pflegeprodukte, Strohhalme, Dosen usw.. Eine der weiteren Hauptursachen dafür ist die Massenverbreitung von Einwegplastik und die fehlende Organisation zum Sammeln des Abfalls und dessen weiteren Verarbeitung.

Eine Studie der Ellen MacArthur Foundation zeigt, dass die Industrie aus Kontinenten wie Europa und Nordamerika nur für 2 % des Mülls im Meer verantwortlich ist, allerdings auch für die Hälfte der globalen Plastikproduktion! Andere Schätzungen geben an, dass zwischen 207.000 und 353.00 Tonnen des Mülls aus EU-Ländern kommen. Ein großes Problem mit Müll hat Südostasien, wobei der Umstand zu bedenken gilt, dass Deutschland seit Jahren Produktionsabfälle und anderen Gewerbemüll hierhin exportiert, weil sich das Recycling solchen Mülls hier nicht lohnt. Seitdem China einen Importstopp verhängt hat, wird der Müll nach Malaysia, Vietnam und Indonesien verschifft.

Dieser Abfall ist nicht gut zu recyceln und die Länder schaffen auch gar nicht alles wegzuarbeiten. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass in der Produktion mehr recycelbare Materialien zum Einsatz kommen.

Generell ist das Thema Müll in Entwicklungs- und Schwellenländern aber schwierig zu handhaben. Hier werden weit unter 50 % des Abfalls eingesammelt. Wegen fehlender finanzieller Mittel klappt Sammlung, Entsorgung und Recycling nicht so. Der Müll türmt sich an Land, wird en masse ins Meer gespült und kommt früher oder später wieder zurück an Land. Durch die Meeresstrudel zerfällt das Plastik zu Mikroplastik und wir bekommen die Quittung auf unsere Teller, wenn wir Fische oder Meeresfrüchte essen.

Dabei ist das Meer das größte Ökosystem der Erde; wir brauchen es zum Atmen: Plankton, Algen und Mikroben produzieren für uns den größten Anteil an Sauerstoff. Wir sollten es dem Meer mit mehr Pflege und weniger Müll danken.

„Räum doch endlich mal auf, Mensch!“

Eine Organisation, die das Problem angeht, ist The Ocean Plastic Cleanup. Sie wurde 2013 von Boyan Slat gegründet. 2011 entdeckte er bei einem Tauchgang in Griechenland mehr Plastik als Fische im Wasser und beschloss das Problem anzupacken. Während seines ersten Studienjahres in der Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Delft arbeitete er an einer Methode, um für Meer-Ordnung zu sorgen. Heute ist The Ocean Plastic Cleanup eine eingetragene gemeinnützige Stiftung in den Niederladen („Stichting“) sowie eine Nonprofit-Organisation in den USA. Mit einem Team aus über 90 Wissenschaftlern, Ingenieuren und Forschern entwickelte er ein Reinigungssystem, um Ozeane zu reinigen und das Plastik auf dem Weg ins Meer abzufangen. Mit einem riesigen Filter, der an zwei u-förmigen Luftschläuchen befestigt ist, werden Plastikreste eingesammelt, die durch die Meeresströmung dort hineingetrieben werden. Der Filter reicht drei Meter tief, sodass Fische unten durch schwimmen können.

Die Reinigungstechnologie von The Ocean Cleanup  bewegt sich wie der Kunststoff mit den Strömungen und nutzt so die natürlichen Kräfte des Ozeans. Die verwendete Elektronik ist zu 100 % Solarbetrieben und extrahiert den Kunststoff autonom. Der gesammelte Kunststoff wird dann zum Recyceln an Land gebracht. Unterstützer können für ihre Produkte den Ozeankunststoff erwerben; durch die Einnahmen wird die Erweiterung auf die anderen vier Ozeankreise finanziert. Ansonsten wird das Projekt mit kommerziellen und staatlichen Spenden und Sponsoren unterstützt.

Aber auch das Team von The Ocean Cleanup weiß, dass das Problem nicht allein durch ihre Arbeit gelöst werden kann. Der Plastikkonsum muss dringend eingeschränkt und Entsorgungssysteme verbessert werden!

Der Meeresforscher Mark Lenz vom Geomar in Kiel sagt: “Wir müssen das Müllproblem an Land lösen”, und trifft damit den Nagel auf den Scheitel.

Jeder von uns kann etwas tun und seinen Beitrag leisten. Was kannst du tun? Versuche doch möglichst plastikreduziert leben. Du kannst CleanUps unterstützen oder selbst welche organisieren und bewusster konsumieren.

Das Gute daran ist, dass du das auch jetzt im Corona-Schatten tun kannst. Zum Beispiel in dem du beim Spazierengehen einfach mal einen Müllbeutel füllst. Wenn du dir Vorräte anlegen möchten, überlege doch, ob du diese auch isst, wenn die Krise vorüber ist oder ob sie dann im Müll landen würden. Und da man jetzt wirklich viel Zeit zu Hause hat, könnte man probieren selber Sachen einzukochen oder einzulegen. Oder einfach einen Geschenkkorb bestellen. 🙂