Dem Öl auf neue Wege folgen oder: Wie Natur und Forschung unsere Probleme lösen können

Was wäre der westliche Mensch doch ohne google Maps? Aufgeschmissen wäre er vermutlich, ohne jegliche Orientierung. Was den Umgang mit der Erde betrifft, verhält er sich so und steuert eine Sackgasse nach der anderen an; anstatt sich an den Fakten auf der Karte zu orientieren. Auch in Sachen Palmöl haben wir uns mittlerweile in eine Sackgasse manövriert, aus die es nun wieder herauszukommen gilt. Viele Konsumenten haben das erkannt, manche sind gerade dabei. Und was tut die Industrie? Sie setzt lieber aufs Geld, als auf den richtigen Weg. Aber steckt man erst einmal fest, hilft einem das irgendwann auch nicht mehr weiter.

Was können wir also tun, wenn die Alternativen fehlen? Das, was es sonst auch in verzwickten Lagen zu tun gilt:

  1. Wir arrangieren uns mit der Situation.
  2. Wir tun das, was wir können.
  3. Wir hoffen (denn in diesem Fall haben wir ein Ass im Ärmel).

Angewandt auf die Öl-Misere sind die Alternativen ebenfalls eher dürftig. Wie im letzten Artikel erwähnt, wäre ein kompletter Verzicht kaum machbar und selbst wenn, würden die Probleme an anderer Stelle wieder auftauchen. Gerade der Anbau für Kokos- und Sojaöl würde es erfordern, in den Tropen wesentlich mehr Regenwaldflächen zu roden, was wiederum den Treibhauseffekt verstärken würde. Kein angemessener Ersatz also. Auch Ilka Petersen, Studienleiterin des WWF in Berlin sagt: „Der simple Austausch von Palmöl durch andere Pflanzenöle löst die Probleme nicht, sondern könnte sie sogar verschlimmern.“ Der einzige Weg in die richtige Richtung ist es, den Anbau von Ölpflanzen umwelt- und sozialverträglicher auszurichten. Auf der anderen Seite kommen wir als Konsumenten ins Spiel. Wir müssen unser (Konsum-)Verhalten der Situation anpassen, denn weniger Fertiggerichte und Süßwaren bringen einen geringeren Verbrauch an Palmöl mit sich.

Was also ist zu tun? Versuchen wir, in unserem Konsum einen Ausgleich herzustellen. Da Palmöl üblicherweise auch im Viehfutter enthalten ist, könnten wir weniger Fleisch essen. Oder wir fahren weniger mit dem Auto und nutzen mehr öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad. Und wie gehen wir mit den Palmöl-Produkten um? Überlege doch, ob es nicht etwas gibt, das du schlicht ganz weglassen kannst, was du brauchst und auch weiterhin kaufen möchtest und bei welchen Produkten du auf Alternativen umsteigen kannst. Durchdenken wir unser Kaufverhalten auf diese Weise, tun wir automatisch das, was wir können.

Es gibt einige Hersteller, die gute Alternativen anbieten. Zur konkreten Anregung haben wir ein paar davon für dich herausgesucht:

Für Schokoholics

Bei Schokoladen und Keksen verzichten einige Bio-Hersteller ganz bewusst auf Palmöl. Palmölfreie Alternativen bei Schokoriegeln und -tafeln findest du beispielsweise bei GEPA, Rapunzel oder Alnatura. Von letzterem Hersteller sind auch die Schokoladen-Butterkekse ein leckeres Gegenstück zur klassischen Prinzenrolle.

Wenn´s läuft wie geschmiert

Palmölfreie Brotaufstriche findest du bei Rigoni di Asiago oder ebenfalls bei Rapunzel. Schoko- oder Nuss-Nougat-Cremes lassen sich auch recht einfach selbst herstellen. Für vegane Brotaufstriche und Margarine ist Palmöl übrigens eine grundlegende Zutat. Hier empfiehlt es sich, genau hinzusehen und auf regionale, hausgemacht Produkte zurückzugreifen.

Wenn es schnell gehen muss

Die Hauptzutaten fast aller Fertiggerichte sind Zucker, Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker und eben auch Palmöl – egal, ob es sich Tiefkühlpizza, Fertigsuppe oder Pfannengericht handelt. Eine schnelle palmölfreie Mahlzeit findest du in der Tomatensuppe von Alnatura. Noch besser: Koche öfter mal die doppelte Menge und friere etwas davon ein. Zeit hast du vielleicht öfter mal nicht, dafür aber immer ein frisches Essen.

Gut gepflegt

In Sachen Hautpflege wird es mit den Alternativen schon etwas schwieriger. Hochwertige (aber eben auch teurere) Naturkosmetik ist frei von Palmöl, wie die von Dr. Hauschka. Preiswerter, vegan und ebenso palmölfrei ist das „Happyness“ Duschgel von Sante, das mit dem Naturkosmetik-Siegel Natrue ausgezeichnet ist. Das „Speick Orgnaic 3.0“ Duschgel und das „Natural Duschgel“ pflegen mit Kokos-Tensiden. Manche Dinge lassen sich auch mit ganz wenig Zutaten selbst herstellen, zum Beispiel Badesalze, Handcremes oder ein Peeling.

Eingeseift

Aleppo-Seife enthält grundsätzlich kein Palmöl, ebenso wie viele Naturseifen. Soll es eine Seife aus der Drogerie sein, dann ist die Speick Natural Seife eine gute Wahl. Auch sie enthält Kokosöl statt das der Palme. Kleine, schöne Fachgeschäfte und Manufakturen verkaufen oft palmölfreie Seifen und außerdem macht das Stöbern Spaß.

Noch mehr Informationen und Anregungen findest du in dem Buch „Der Palmöl-Kompass: Hintergründe, Fakten und Tipps für den Alltag“ von Frauke Fischer und Frank Nierula, erschienen im März 2019.

Wie heißt das Zauberwort? – Acrocomia

Die beste Alternative liefert die Natur selbst, in Zusammenarbeit mit der Forschung. Die Acrocomia-Palme (oder auch Macauba) ist es, die uns zuversichtlich werden lässt. Sie kann viele Probleme lösen, ohne dabei Regenwälder zu opfern. Mit ihren 15 Metern Höhe und Früchten in der Größe eines Golfballes ist die stachelige Pflanze eher wie ein David gegen Goliath in Bezug auf die Ölindustrie, aber dafür ein recht pflegeleichter David. Sie wächst auch in trockeneren, kühleren Gebieten und auf nährstoffärmeren Böden als die Ölpalme. Eine Temperaturspanne von 5 bis 30 Grad reicht ihr aus, mit einer Ackerfläche, die für Soja schon ungeeignet wäre, gibt sie sich zufrieden. So kann sie auch in trockeneren, subtropischen Gegenden von Argentinien bis Florida gedeihen – und das sehr ertragreich. Wenn sie ausgewachsen ist, trägt sie bis zu 70 Jahre lang jährlich Frucht.

Genau wie aus der Frucht der Ölpalme, lassen sich auch aus derjenigen der Acrocomia-Palme zwei Öle auspressen; sowohl aus dem Fruchtfleisch (Pulpa), als auch aus dem Kern. Die Anwendungsmöglichkeiten für die Frucht der Acrocomia-Palme sind vielfältig: Für Seifen, für die Chemieindustrie oder sogar für Biodiesel eignet sich das Öl des Fruchtfleisches. Das Öl des Kerns hingegen, eignet sich ideal für Lebensmittel, als Pharmastoff und als Basis für Kosmetika. Zu Recht wird die Acrocomia-Palme von der Universität Hohenheim als landwirtschaftlicher Alleskönner bezeichnet. Selbst der ausgepresste Rest, der Presskuchen beider Öle, kann als organischer Dünger, Tierfutter oder in der Produktion von Biogas weiterverwendet werden. Sogar die recht dicke Außenschale könnte als Rohstoff für Aktivkohle oder Brennmaterial dienen.

„Der Anbau der Acrocomia-Palme kann langfristig CO2 binden und zudem dazu beitragen, in Sachen Landnutzung und Wiederaufforstung durch mehr Wahlmöglichkeiten Chancen zu verbessern sowie Risiken zu verringern (Diversifizierung)“, erklärt Dr. Barbara Ramsperger, Geschäftsführerin des Tropenzentrums der Universität Hohenheim.

Doch warum gibt es dann nicht haufenweise Acrocomia-Plantagen? Hat die Sache einen Haken?

Einen scheinbaren vielleicht, in Form einer niedrigen Keimungsrate. Unter normalen Umständen dauert es bis zu fünf Jahren, bis die Samen der Palme keimen und weitere vier bis fünf Jahre, bis die Palme Früchte trägt (zum Vergleich: Die Ölpalme liefert ihre Frucht in zwei bis drei Jahren). Durch ihre niedrige Keimungsrate schützt sich die Acrocomia-Palme vor ungewolltem Keimen. Denn würde die Pflanze vorzeitig keimen und das bei einer schlechten Niederschlagsverteilung, würde die Keimpflanze absterben. Wie auch andere Pflanzen in Gebieten mit schlechten Witterungsverhältnissen, so ergreift auch die Acrocomia-Palme zu Maßnahmen, um das zu verhindern. Für die Pflanze ist das natürlich gut, aber eher schlecht, wenn sie einen landwirtschaftlichen Nutzen erfüllen soll.

Da die Acrocomia-Palme somit lange Zeit für den Anbau nicht rentabel zu sein schien, wurde sie bisher nicht unbedingt als brauchbare Alternative zur Ölpalme in Betracht gezogen.

Die Veränderung dahingehend kam im Jahr 2014, erbracht von der Universität Hohenheim in Zusammenarbeit mit der katholischen Universität von Paraguay.

Wissenschaftler beider Universitäten fanden Wege, den Anbau der Acrocomia-Palme auf Plantagen möglich zu machen, indem sie zwei Jahre alte Samen eine wachstumsfördernde Behandlung zuteilwerden ließen. Bei diesen Pflanzen setzte die Keimung nach ca. sechs Wochen ein. Mit diesem Schritt könnte die Acrocomia-Palme die Ölpalme vom Thron stoßen und als ertragreicher Öl-Lieferant ablösen. Sie stellt eine nachhaltige Alternative dar, um das große Bedürfnis nach Palmöl zu stillen, dabei die Natur unbeschadet zu lassen und sogar soziale Aspekte zu verbessern: Ist Acrocomia erst einmal ausgewachsen, kann sie bei geringem Aufwand jahrzehntelang hohe Erträge liefern, was auch Kleinbauern zugutekommt.

Wie sieht die wachstumsfördernde Behandlung im Einzelnen aus?

Wie auch bei anderen Palmen hat die Frucht der Acrocomia eine harte Steinschale, die mehrere Millimeter dick ist und das Innere der Steinfrucht schützt. In der Steinschale befinden sich drei Öffnungen, verschlossen mit durch einen Deckel. Wir kennen das von den drei „Löchern“ der Kokosnuss. Diese Deckel sind aber ziemlich fest mit der restlichen Steinschale verbunden. Bei ausreichend Niederschlägen werden die Verbindungen zur Steinschale durch die häufig auftretende Feuchtigkeit spröde und das Wasser gelangt zum Samen in die Steinschale. Das unterbricht die Ruheperiode des Samens, sodass Keimung und Zellteilung beginnen. Die Keimwurzel kann dann einen der Deckel sprengen und der Keimling entwickelt sich weiter.

Genau diesen Prozess haben sich die Wissenschaftler der Universitäten Hohenheim und Paraguay zunutze gemacht und sorgen für eine bessere Kontrolle der Wasserzufuhr. Die Verdunstung des Wassers wird durch eine Abdeckung reduziert, die Pflanze regelmäßig befeuchtet. Außerdem fördert eine Drainage im Keimbeet eine gute Keimbildung, Krankheitsbefälle können eingedämmt werden. Um das Eindringen des Wassers in den Samen zu verbessern, wird die Samenschale angeritzt. Allerdings darf sie dabei nicht beschädigt werden.

Gekeimte Samen, die sich als Jungpflanzen gut entwickeln, kommen dann in einen Beutel mit Bodensubstrat und werden unter Beschattung in einer Baumschule aufgezogen. Nach sechs bis zwölf Monaten können sie ausgepflanzt werden. Dabei wird die Beschattung mit zunehmendem Alter Stück für Stück reduziert, um die Pflanzen an direktes Sonnenlicht zu gewöhnen. Die Jungpflanzen werden behütet groß und so erhalten die Plantagen am Ende hochwertige Pflanzen.

Auch bei anderen Palmen sind ähnliche Verfahren üblich, um die Keimung zu fördern.

Diese Methode wird vor allem in Paraguay durchgeführt, aber auch in Brasilien gibt es Acrocomia-Plantagen, vor allem in Minas Gerais.

Worauf warten wir denn noch? Auf internationale Abnehmer und etablierte Lieferketten! Da es daran noch mangelt, konnte sich die Acrocomia-Palme bisher nicht großflächig durchsetzen. Laut Petersen vom WWF, muss zudem noch die Beschaffenheit des Öls für die Produktion geprüft werden.

Auch Dr. agr. Thomas Hilger von der Universität Hohenheim weiß um die fehlende Nachfrage der Wirtschaft und organisiert zurzeit ein Zusammentreffen zwischen Wissenschaftlern aus Südamerika und der Universität Hohenheim um Forschungslücken zu identifizieren. Auch der Austausch mit Industriepartnern ist vorgesehen, um Gespräche zwischen Wirtschaft und Forschung voranzubringen.

Erste Fortschritte erzielte auch das Unternehmen INOCAS.  Dieses fördert ein Projekt in Brasilien, bei dem der Anbau von Acrocomia auf bereits bestehenden Anbauflächen von Ölpalmen integriert wird. Eine zusätzliche Ackerfläche wird somit nicht benötigt. Dieses Vorgehen könnte in Zukunft auf ganz Brasilien ausgeweitet werden. Studien von INOCAS ergaben, dass eine Umpflanzung auf die Hälfte der bereits genutzten Ölpalm-Anbauflächen bewirken könnte, dass sich allein in Brasilien mehr Pflanzenöl herstellen ließe, als auf allen Ölpalm-Plantagen weltweit.

Doch bis es so weit ist, tun wir gut daran, weiter auf unseren Konsum zu achten. Vielleicht hilft das der Industrie dabei, das auch sie das „Bitte wenden!“ deutlicher vernimmt und entsprechend handelt.

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