Warum die Umwelt leidet, wenn wir einkaufen gehen

Es brennt! Einst war es ein vor sich hin schwelender Konflikt zwischen Natur und Mensch; im Lauf der Zeit dehnte er sich aus. Und was tut der Mensch? Er gießt Öl in die Feuersbrunst. Ein ganz bestimmtes Öl. Palmöl um genau zu sein.

Früher galt Palmöl als ökologisch und wurde als nachwachsender Rohstoff hochgelobt. Doch wie so oft, wenn der Hals nie genug gefüllt werden kann, geht dies irgendwann nach hinten los. Nicht anders war es mit dem Palmöl. Der Ertrag ist hoch, der Rohstoff billig und so stieg die Nachfrage rasant. Inzwischen sind die Zeiten, in denen Palmöl nachhaltig war, längst passé:  Palmöl ist mit Abstand das billigste und am häufigsten produzierte Pflanzenöl weltweit. Massenware also. Belief sich die globale Palmöl-Produktion in den Jahren 2002/2003 noch auf 26,9 Millionen Tonnen im Jahr, so sind es heute 68,65 Millionen Tonnen.

Weil das Thema „Palmöl“ ernster und aktueller denn je ist, widmet sich dieser Blogartikel der Brandbekämpfung. Ein paar Zahlen werden fallen, aber am Ende wirst du anders einkaufen.

Ölige Fakten

Ursprünglich stammt die Ölpalme aus Westafrika und kam mit der Kolonialisierung nach Malaysia. Heute stammen ungefähr 85 % der weltweiten Produktion aus Malaysia und Indonesien.

Bei tropischem Regenwaldklima gedeiht sie gut und erfreut uns Menschen gleich mit zweierlei Ölen: Aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme wird das Palmöl gewonnen; aus den gemahlenen Samen das Fett, welches dann zu Palmkernöl weiterverarbeitet wird (im Folgenden bleiben wir der Einfachheit halber bei dem Begriff Palmöl). Ihr Ölertrag pro Hektar ist im Gegensatz zu anderen Ölen recht hoch und das macht sie zu einem traumhaften Rohstoff für die Industrie. Zudem ist das Öl nach entsprechender Behandlung (raffiniert u. desodoriert) geschmacksneutral, geruch- und farblos und lange haltbar. Durch den hohen Schmelzpunkt bleibt es bei Raumtemperatur zwar fest, aber dennoch streichfähig und geschmeidig.

Aber nicht nur wegen der für Massenware sehr vorteilhaften Eigenschaften stehen die Industriellen auf das Tropenöl, sondern auch wegen seines niedrigen Preises, der fernab von jeglicher Konkurrenz zu finden ist. Als billiges Zusatzmittel en masse bezogen und verwendet, findet sich Palmöl in jedem zweiten Supermarktprodukt wieder (forumpalmoel.org/imglib/Palmoelstudie%202017_Meo_FONAP_ho.pdf), außerdem wird es in Kraftwerken zur Wärme- und Stromerzeugung verbrannt und als Biosprit für Biodiesel und hydrierten Kraftstoff genutzt.

Insgesamt importieren die EU-Länder jährlich 6 Millionen t Palmöl; allein Deutschland bezieht davon über eine Million Tonnen. Im Jahr 2017 importierte Deutschland 1,12 Mio. t Palmöl direkt und mind. 695.000 t  indirekt als Bestandteil von Zwischen- oder Endprodukten. Davon wurden 377.000 t aus Deutschland exportiert. Legt man die Differenz auf jeden einzelnen Bürger um, ergibt das einen Jahreskonsum von 17,3 kg Palmöl pro Kopf.

Sehr viel Palmöl wird also verbraucht, entsprechend groß sind die Palmen-Plantagen. Ihnen müssen artenreiche Ökosysteme weichen – die grüne Lunge der Erde, wie das mal umschrieben wurde, wird entnommen. Die gigantischen Ölpalm-Monokulturen erstrecken sich auf ca. 27 Mio. Hektar Regenwaldgebiet am Äquator. Das sind drei Viertel von der Fläche Deutschlands.

Eine Fläche, für die erstmal Platz geschaffen werden muss. Praktischerweise arbeiten die Palmöl-Industrie und die des Tropenholzes gut miteinander zusammen und durch den Verkauf von Tropenhölzern können die Investitionskosten für die Entstehung der Ölpalm-Plantagen finanziert werden. Nachdem sich der Weg frei gerodet wurde, werden verbleibende Reste oft unkontrolliert verbrannt, was viel CO2 freisetzt. Der Boden hat kein Wurzelwerk mehr, das ihn hält und wird bei Starkregen davon gespült.

Nach wie vor argumentiert die Palmöl-Lobby mit der Ökologie der Ölpalmen; benötigen sie mit viel Ertrag doch relativ wenig Anbaufläche (im Vergleich zu anderen Pflanzen).

Zwei unumstößliche Tatsachen bleiben: 1. Ölpalmen wachsen in den Regenwaldgebieten am Äquator und für die groß angelegten Plantagen wird die Vielfalt der Natur mit ihren Pflanzen- und Tierarten vernichtet. 2. Ganz grundsätzlich ist es schlicht falsch, die Erde in vermeintlich günstige Anbaugebiete aufzuteilen, um deren Erzeugnisse global zu nutzen. Eigentlich ist es das Normalste der Welt, dass jeder seine Grundnahrungsmittel selbst anbaut und nicht auf Kosten anderer.

Und wie steht es mit Bio-Palmöl? Der Einsatz von chemischen Düngemitteln, Gentechnik und Pestiziden ist im Biolandanbau verboten, dennoch dominiert die Industrie durch ihre Monokulturen auch den Anbau von Bio-Palmöl.

Schmierige Politik

Wenn Regierungen die Nutzungsberechtigungen für Urwaldgebiete an Ölpalm-Konzerne vergeben, sind oftmals Machtmissbrauch und Korruption damit verbunden. In vielen Fällen wird der Wald auch illegal abgeholzt, um Plantagen anpflanzen zu können. In Südostasien ist die Expansion der Ölpalm-Plantagen gar das oberste Staatsziel; Palmöl-Industrie und Politik bilden hier quasi eine Symbiose.

Auch in EU-Ländern arbeiten Politik und Industrie zusammen und betreiben gründliche Lobbyarbeit. Palmölvereinigungen stellen scheinbar nachhaltig erzeugtes Palmöl durch Greenwashing als gut hin und am Forum für nachhaltiges Palmöl ist auch die Bundesregierung beteiligt.

2008 hat der WWF den RSPO gegründet, einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, an welchem 951 Händler, Produzenten, Investoren, Banken und Verarbeiter auf 40 Non-Profit-Organisationen treffen.

Das Ziel dieses Zusammenschlusses ist es, der Palmöl-Produktion und deren Absatz ein nachhaltigeres Gesicht zu geben. Dabei geht die RSPO nicht nur humorvoll, sondern auch findig vor. So ist die Regenwaldrodung zum Beispiel nicht ausgeschlossen. Wurde ein Regenwaldgebiet vor 2008 gerodet, so kann es in eine zertifizierte Ölpalm-Plantage umgewandelt werden. Gebiete die nach 2008 gerodet werden sollen, sind nur dann ausgenommen, wenn sie als „besonders schützenswert“ gelten. Welches Gebiet besonders schützenswert ist, entscheidet ein Experte, der von den Palmöl-Firmen beauftragt und bezahlt wird. Absolut unberührte Wälder gelten als besonders schützenswert. Wälder in denen ein kleines, indigenes Volk lebt, sind ja schon von Menschen beeinflusst und dürfen dann gerodet werden.

Die sozialen Aspekte, die die RSPO-Standards umfassen, sind allgemeine Menschenrechte – die eigentlich selbstverständlich sind. Klimaschutz findet in den Standards keine Berücksichtigung. Und ebenso wie der Experte für die besonders schützenswerten Gebiete, werden auch die Zertifizierer, die die Einhaltung der selbstauferlegten Standards prüfen, direkt von den Ölfirmen beauftragt und bezahlt. Unabhängige Kontrollinstanzen werden nicht hinzugezogen. 2008 veröffentlichte die Schweizer Palmöl-Koalition ein Dossier, das die RSPO als Etikettenschwindler enttarnt. Dort heißt es, dass die Richtlinien der RSPO schwach sind, ungenügend umgesetzt werden und ihre Wirkung verfehlen, da sie die Zerstörung von Mooren und Wäldern oder das Einsetzen hochgiftiger Pestizide zulassen. Mit dieser Meinung steht die Schweizer Koalition nicht alleine dar. Insgesamt lehnten noch im selben Jahr 256 Menschenrechts- und Umweltorganisationen den RSPO ab. Letzten Endes dient der Runde Tisch dem Greenwashing und wird damit zur Legitimation für Politik und Industrie, um den (selbsterzeugten) steigenden Bedarf zu decken.

Das Öl und die Menschen

Der Ölboom hat sich zur Ölpest entwickelt, die Menschen in vielerlei Hinsicht trifft. Die Einwohner in den Anbaugebieten verlieren Land und Lebensgrundlage; nicht selten werden sie bedroht, eingesperrt oder gewaltsam vertrieben. 2015 berichtete Spiegel Online von ungefähr 5.000 Landkonflikten, die allein in Indonesien aufgrund der Palmöl-Industrie ausgefochten werden und teilweise ein blutiges Ende finden.

Völker wie Suku Anak Dalam (Sumatras letzte Waldnomaden) hausen unter Plastikplanen in etwas, das einem Flüchtlingscamp gleicht oder schlafen in Straßengräben. Sie sind traumatisiert; es mangelt an Nahrung und Wasser.

Zu Verstößen dieser Art zählt auch die Brandrodung – womit wir wieder beim Feuer wären. Dadurch, dass sich die Feuer in den angrenzenden Gebieten ausbreiten, bedrohen Qualm und Schadstoffe die Gesundheit der dort lebenden Menschen; Kinder, kranke und alte Menschen sind besonders gefährdet.

Sind die Einwohner von alledem nicht betroffen, so kann es ihnen passieren, dass sie mit leeren Versprechungen zum Arbeiten auf die Plantagen gelockt wurden, um in einem Zwangsarbeitsverhältnis zu enden. Berichten zufolge sind auch Tausende Kinder betroffen und hätten Fronarbeit zu leisten.

Und wie wirkt sich die Ölpest auf uns aus?

Zu 50 % besteht Palmöl aus gesättigten Fettsäuren. Als „Dickmacher“ bezeichnet, können sie auch für Herzkrankheiten und hohe Cholesterinwerte verantwortlich sein. Das Palmkernöl besteht sogar zu 80 % aus gesättigten Fettsäuren; dieses wird für Glasuren und Karamell verwendet.

Wurde das Palmöl raffiniert, sind oftmals hohe Mengen sogenannter Fettsäureester enthalten; sie gelten als krebserregend. Sowohl die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA als auch das Bundesinstitut für Risikobewertung warnen davor, diese Schadstoffe des Palmöls aufzunehmen.

Viel von diesem schadstoffbelasteten Palmöl befindet sich in Schoko- oder Nuss-Nougat-Brotaufstrichen sowie in Babyersatzmilch und Säuglingsnahrung. Ebenso bedenklich wie gesundheitsgefährdend – ist doch ihr Körpergewicht in Relation zu den mitverzehrten Schadstoffmengen um einiges geringer, als bei uns Erwachsenen.

Das Öl und du

Viele Dinge sind es, die sich ändern müssen. Das betrifft den Anbau von Palmöl genauso wie unseren Konsum. Auch an dieser Stelle ist „bewusster Konsum“ das Zauberwort. Würde Palmöl stur und unkritisch durch andere Pflanzenöle ersetzt werden, wären die Probleme lediglich verlagert, statt gelöst. Raps, Soja oder Kokospalmen sind weniger ertragreich, benötigen aber mehr Fläche. Was sich ändern muss, wäre das Verantwortungsbewusstsein – das der Industriellen und unser eigenes.

Ein Boykott wäre also keine Lösung. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik sowie ein bewusster Konsum wären ein erster Schritt; weniger Fertiggerichte und Süßwaren ein zweiter.

Seit 2014 ist die Kennzeichnungspflicht für Palmöl in Lebensmitteln in Kraft getreten. Es ist mit gutem Willen und ein wenig Einsatz verbunden, sich die Inhaltsangaben auf den Verpackungen durchzulesen. Dass Palmöl in der Hälfte aller Supermarktprodukte enthalten ist, bedeutet somit, dass es eben auch die andere Hälfte gibt – die Alternativen ohne Palmöl.

Für Kosmetika, Pflege- oder Reinigungsprodukte gibt es keine eindeutige Deklarationspflicht (ein wenig Druck vonseiten der Chemieindustrie mag seinen Teil dazu beigetragen haben). Wenn du durch die Kosenamen und dessen Synonyme für Palmöl und Palmkernöl gern durchblicken möchtest, hilft dir diese Liste weiter:

umweltblick.de/index.php/palmoel/deklarationen-von-palmoel/95-deklarationen-von-palmoel oder du ziehst die bereits erwähnte App Codecheck (3. Blogartikel „Aller Anfang ist gar nicht so schwer“) zurate.

Um dir die Suche nach Alternativen zu erleichtern, wird sich der nächste Blogbeitrag um ebendiese und andere Tipps drehen. Es werden ein paar Zahlen folgen, aber langweilig wird es garantiert nicht und am Ende wirst du anders einkaufen wollen.

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