Ein Zeitgeist, dem die Zeit fehlt

Dass dem so ist, kommt in unserer Sprache am besten zum Ausdruck. Begriffe wie Fast Fashion, Fast Food, Multitasking oder Power Nap zeigen, dass Schnelligkeit unser Leben bestimmt. Schließlich ist Zeit = Geld und Effizienz das Zeugnis eines erfolgreichen Lebens. Oder?

Und ist Nachhaltigkeit eigentlich auch eine Sache der Entschleunigung? Ja, denn sie findet sich nicht nur im wiederverwendbaren Coffee-to-go-Becher wieder, sondern kommt ebenso durch unsere Lebensführung zum Ausdruck. Sie zeigt sich darin, sich Zeit zu nehmen, um Müll zu trennen, kaputte Sachen zu reparieren oder Alternativen zum Plastik zu suchen. Auf den ersten Blick mag das ganz schön aufwendig klingen und ist es nicht so, dass die Zeit dahinfließt wie auf den Bildern von Salvador Dalí?

In Wirklichkeit ist es nicht schwer, sich Zeit und Muße zu nehmen um sich den Luxus eines befriedigenden, nachhaltigen Lebens zu gönnen. Unsere schnelllebige Gesellschaft macht es uns schwer, so zu leben.

Es wird viel über die Ressourcen der Erde nachgedacht und überlegt, wie wir mit Rohstoffen verantwortungsvoll umgehen können. Dabei übersehen wir, dass unsere Zeit ebenso ein nicht überzählig vorhandener Rohstoff ist. Ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren Zeit-Ressourcen zeigt sich darin, der steten Beschleunigung zu entkommen, um wieder nachhaltiger und selbstbestimmter handeln zu können.

Warum die Zeit so knapp ist, weiß der Soziologe und Beschleunigungsforscher Hartmut Rosa und nennt drei Gründe für den allgemeinen, chronischen Zeitmangel. Als Erstes trägt die zunehmende technische Beschleunigung ihren Teil dazu bei: Eine Mail lässt sich schneller schreiben, als ein Brief und immer mehr Dienstleistungen oder Güter werden in kürzester Zeit erbracht. Das führt zum zweiten Grund: die Veränderung der sozialen Erwartungen. Wir erwarten schnellere Reaktionen und wollen sozial absolut wandelbar sein; Job, Partner, Wohnort oder Gewohnheiten werden in einem viel höheren Tempo gewechselt. Flexibilität sind unsere neuen Wurzeln. Und drittens führt die gesamte Beschleunigung dazu, immer mehr in weniger Zeit schaffen zu wollen.

Nun liegt die Vermutung nahe, dass die Technik doch eigentlich dabei helfen müsste, Zeit zu gewinnen. Warum fehlt es dennoch an ihr?

Rosa erklärt das anhand des Beispiels von E-Mails: Früher schrieb man in einer Stunde vielleicht zehn Briefe. Heute schafft man in einer halben Stunde zehn Mails. In der Theorie steht also eine halbe Stunde mehr Zeit zur Verfügung. Jedoch schreiben wir aber fünf- bis sechsmal mehr Mails als früher Briefe. Weil das fast jeder macht, türmt sich vor uns ein riesiger Berg an Informationen auf, die gelesen und bearbeitet werden wollen. Das Resultat ist, pro Mail deutlich weniger Zeit zum Reflektieren und Reagieren zu haben. So begleitet uns das Gefühl Hetze durch den Alltag. Paradoxerweise bringt dies aber gleichzeitig einen Kick mit sich. Wir brauchen Tempo, wir brauchen Berieselung, wir brauchen Action – und genießen das Leben ohne Tempolimit. Unabhängigkeit vermittelt uns ein Gefühl von Glück und Freiheit. Viele Optionen zu haben und möglichst viel zu erleben, scheint unser Leben reicher zu machen.

Die Nebenwirkung davon ist ein überhöhtes Bewusstsein für die Kostbarkeit der Zeit. Tun wir bloß nicht nichts. Wir haben das Gefühl, alle Aktivitäten rechtfertigen zu müssen. Viele haben es verlernt, sich selbst zu genügen; das kommt besonders dann zum Ausdruck, wenn der Fernseher kaputt ist oder das iPad nicht geht. Und auch Rosa zieht das Fazit, dass es ein Missverständnis der schnellen Gesellschaft ist, souverän über unsere Zeit bestimmen zu können.

Deswegen ist es jetzt an der Zeit, selbst am Zug zu sein und dem Tempo eine Geschwindigkeitsbegrenzung aufzuerlegen. Die wahre Wertschätzung der Zeit zeigt sich darin, wirklich einfach mal nichts zu tun, sich an ihrer Kostbarkeit zu freuen und auf das Wesentliche zu besinnen.

Ein großer, fetter Strich im Kalender könnte dabei helfen. Das Grübeln darüber, was man alles tun könnte oder sollte, muss dann beiseitegeschoben werden. Genauso müssen wir es aushalten, wenn nichts Tolles passiert oder nichts Großes bei rumkommt. So lernen wir, uns vom Druck des Entscheiden Müssens zu befreien und Muße zu kultivieren.

Für solche Zeit der Muße ist auch kein Urlaub notwendig. Es reicht aus, einfach etwas anderes zu tun, als das übliche normale; sich nicht vom Fernseher berieseln zu lassen, sondern etwas für sich zu tun.

Werfen wir kurz einen Blick auf die Zeit, die im Dalí-Stil dahinfließt, nehmen akzeptierend zur Kenntnis, dass dem so ist und wenden uns dann den Dingen zu, die unser Leben schöner machen. Wie der Zufall es will, sind das oft auch Dinge, die gut für die Umwelt sind; etwa Brot selber backen, heilende Kräuter im Garten anpflanzen, Sachen reparieren, Einkochen (bei Letzterem hat man übrigens auch immer ein schönes Geschenk auf Lager). Dinge wie diese erden uns und machen zufrieden.

Sind das Fähigkeiten, die uns bekannt vorkommen? Wahrscheinlich vom Hörensagen, denn diese Dinge verrichteten schon unsere Großeltern. Ja, unsere Großeltern hatten die wirklichen Lifehacks drauf!

Davon könnten wir doch was übernehmen. Nehmen wir uns die Zeit das Reparieren anzueignen oder einfach dafür, mal in sich zu gehen und zu überlegen, womit wir täglich Müll verursachen, um dann Alternativen zu finden. Vielleicht können wir es einrichten, Dinge auszuleihen (oder auch zu teilen). Das Sharing von Dingen, die eher selten gebraucht werden, ist nämlich ziemlich nachhaltig. Warum also nicht den Hochdruckreiniger, das Raclette oder die Campingausrüstung in der Nachbarschaft weiterreichen? Mit Sicherheit ist auch das eine oder andere nette Gespräch noch inklusive.

Apropos teilen: warum nicht auch den Job? Manchmal ist es möglich, dass sich zwei Teilzeitangestellte einen Vollzeitjob teilen können. Downshifting ist das Stichwort – eine coole Bezeichnung für „Notbremse“ im Job. Das bedeutet, beruflich kürzerzutreten und die Karriere durch eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu ersetzen, vielleicht auch um stressbedingte Krankheiten abzuwenden. Eine andere Möglichkeit wäre das Sabbatical. Im Gegensatz zum Downshifting ist dies keine langfristige Entscheidung und nach einer gewissen Zeit geht es wieder zurück in den Job.

Es braucht schon Mut, die Karriere hinter sich zu lassen. Dennoch verringert es das Stresslevel deutlich; zwar auch das Einkommen, aber dafür maximiert sich die Zeit. Oft wird auch von einer „freiwilligen Einfachheit“ gesprochen. Erfahrungsberichte über diesen Schritt zeigen eine deutlich höhere Lebensqualität. Manchmal mögen sich auch die Umstände geändert haben: ein Kredit ist abbezahlt oder die Lebenshaltungskosten haben sich verringert. Auf jeden Fall stellt dies eine Möglichkeit dar, dem Kreis aus Konsum und Wohlstand zu entkommen. Ein hohes Einkommen wird in der Regel in ein großes Haus oder teures Auto investiert, was dann Folgekosten mit sich bringt. Um den damit einhergehenden Lebensstandard zu erhalten, kommen höhere finanzielle Verpflichtungen dazu und der Kreis schließt sich. Wirklich glücklich macht das allerdings nicht. Man strampelt sich ab; als würde man wie in diesen riesigen Walk-on-Water-Bällen durch sein eigenes Leben rollen – nur eben schneller.

Wäre es nicht schön, einfach aus diesem Ball auszusteigen? Dann hätten wir festen Boden unter den Füßen und könnten Wurzeln schlagen. Wir bräuchten dann weniger kaufen, weniger besitzen, hätten mehr Zeit für Nachhaltigkeit und Dinge, die zu einem richtig guten Leben beitragen. Mit beiden Beinen würden wir fest im Leben stehen und die Zeit genießen. Die eingangs erwähnter Gleichung ist also nicht korrekt; denn Zeit ist nicht = Geld, Zeit ist (Lebens)Qualität.

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